Recherche-Journalismus & Photographie

 

 

Junge Soldaten im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948. Auf diesem Bild des berühmten Fotografen Robert Capa entdeckte Shimshon Ofer, der seine Kindheit in Bad Mergentheim verbracht hatte, Freunde – und sich selbst. Er marschiert als Vorletzter in der rechten Reihe.                                                   Foto: Robert Capa © ICP / Magnum / Ag.Focus

 

 

„Für die Ewigkeit dokumentiert“

Wie sich der in Bad Mergentheim aufgewachsene Shimshon Ofer auf einem legendären Foto Robert Capas aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg wiederfand (english version)

 

Von Meinrad Heck (Mai 2018)

 

Im Mai 1948 schoss der legendäre Kriegsfotograf Robert Capa ein Foto junger Soldaten im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Lange zuvor hatten der neunjährige Siegfried Hirschberg und seine Familie ihre Heimat Bad Mergentheim verlassen, um den Nazis zu entkommen. Als Shimshon Ofer hatte er in Tel Aviv ein neues Leben begonnen. Jahrzehnte danach entdeckte er per Zufall auf Capas berühmten Bild seine Armee-Einheit – und sich selbst. Die Geschichte dieser Entdeckung begann mit einem Lächeln…

 

Viele der jungen Männer auf dem Foto würden die folgenden Tage nicht überleben. Es war Sonntag, der 23 Mai 1948. In der Woche zuvor hatte David Ben-Gurion im Tel Aviv Museum den Staat Israel ausgerufen. Noch in der Nacht hatten fünf arabische Armeen angegriffen und wenige Tage später mussten die jungen Männer auf Robert Capas Foto in eine der blutigsten Schlachten des israelischen Unabhängigkeitskrieges. Sie ging als „Schlacht um Latrun“ in die Geschichtsbücher ein.

 

Latrun war eine alte Polizeifestung auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Sie war in arabischer Hand, die Straße nach Jerusalem lag in Reichweite arabischer Gewehre und Kanonen. Damit waren 200 000 Juden in der belagerten Stadt von der Versorgung mit Lebensmitteln und von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Ben Gurion befahl, diese Schlüssel-Festung „unter allen Umständen“ zu nehmen.

 

Das sollte Jahre später ein guter Stoff für die Hollywood-Filmindustrie und manch andere werden. Zahllose Regisseure, Autoren und Historiker würden opulente Spielfilme drehen oder Fachbücher, Essays und Romane schreiben, aber bevor Geschichte, wie auch die jener Fotografie von Robert Capa, geschrieben werden konnte, mussten Menschen wie Shimshon Ofer sie erst erleben und vor allem überleben.

 

Er hatte 1938 die Stadt seiner Kindheit verlassen. Als Siegfried Hirschberg hatte er mit seinem Bruder Arno und seinen Eltern in einem Haus in der Wettgasse in Sichtweite der Synagoge gewohnt. Das letzte, was er von Bad Mergentheim am 20. März 1938 gesehen hatte, war der Bahnhof. Die Hirschbergs und ihre Söhne waren mit dem Zug ins französische Marseille gefahren, dort an Bord eines Passagierdampfers gegangen und in Palästina gelandet.

 

„Das war keine Flucht“, erinnert er sich heute, sondern eine Auswanderung. Die Nazis hatten ihre Rassegesetze erlassen, auf den Straßen brüllte der Mob „Kauft nicht mehr bei Juden“. Es wurde Zeit, höchste Zeit. 1938 gab es noch dieses kleine Zeitfenster, in dem eine Auswanderung möglich gewesen war. So hatte für Siegfried Hirschberg unter seinem neuen hebräischen Namen Shimshon Ofer ein neues Leben begonnen.

 

Die Großeltern waren in Deutschland geblieben. Sie hatten in Berlin gelebt und waren von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Einmal noch war Post an die Kinder und Enkel gekommen. Einmal noch hatten sie geschrieben „Alles ist gut“. Aber nichts war gut. Überhaupt nichts. Shimshon Ofer hat nie mehr etwas von „Opa und Omi“ gehört.

 

 Sturm auf die Festung

 

Und nun, im Mai 1948 war er gerade 19 Jahre alt geworden und Mitglied der Haganah, früher eine Untergrundarmee und nach der Unabhängigkeitserklärung die reguläre Verteidigungsarmee des jungen Israel. Er war auf dem Weg zur dieser Festung Latrun, vorbei an ein paar Beobachtern, vorbei an jenem Robert Capa, ohne ihn wahrzunehmen. Sie marschierten Richtung Horizont, zwei junge Männer blickten noch über ihre Schulter nach hinten und einer von den beiden lächelte. Die anderen hinterließen Spuren im Sand, sie hatten alles, bloß keine Fotografen-Legenden im Kopf, sondern waren mit ihren Gedanken bei dem, was ihnen in Latrun bevorstehen würde. Viele von ihnen, die gerade den Holocaust überlebt hatten, hatten jetzt nicht mehr lange zu leben. Aber dieses eine Lächeln würde in ein paar Jahrzehnten noch einmal wichtig werden.

 

Verhängnisvoller Irrtum 

 

In der strategisch wichtigen Festung erwarteten ihre Haganah-Kommandeure beim geplanten Angriff in der folgenden Nacht allenfalls ein paar arabische Milizionäre, die seinerzeit verächtlich „Irreguläre“ genannt wurden. Aber das würde sich in wenigen Stunden als verhängnisvoller Irrtum mit tödlichen Folgen herausstellen. Der Angriff verzögerte sich und begann nicht im Schutz der Dunkelheit, sondern erst kurz vor Sonnenaufgang. In den nächsten Stunden sollte das Wort vom „Morgen-Grauen“ eine ganz andere Bedeutung erhalten.

 

 In der Festung warteten nicht etwa nur ein paar versprengte Irreguläre, sondern eine hochgerüstete Kompagnie der so genannten Arabischen Legion mit modernsten Waffen. Shimshon Ofer und seine Mitkämpfer hatten nicht den Hauch einer Chance. Ihre einzige Deckung waren ein paar Bäumchen oder Grasbüschel. Die meisten starben im Kugelhagel von Maschinengewehren oder durch den Einschlag von Granaten. Wer noch laufen konnte, wich zurück, nahm Verwundete mit, warf sich auf den Boden, wenn die Granaten einschlugen, begrub den Kopf unter seinen Händen, wartete ein paar Sekunden, raffte sich auf, rannte wieder weiter, schaffte es auf den nächsten Hügel außer Sichtweite und fühlte sich vielleicht für kurze Zeit in Sicherheit - dann kam der Chamsin.

 

Überlebt

 

Der Chamsin war – und ist heute noch - ein Wetterphänomen, ein brennend heißer und trockener Wüstenwind aus dem Landesinneren. Die Temperaturen steigen meist auf deutlich über 40 Grad. Die jungen Männer der Haganah waren schlecht vorbereitet. Sie hatten keine Feldflaschen und ohne Wasser während des Chamsins spürte man von Minute zu Minute, wie jeder Nerv im Körper einzeln vertrocknete. Wer die Nacht überlebte und am folgenden Tag nicht verdurstete, wer sich noch von Hügel zu Hügel schleppen konnte, warf am Ende alles weg, was er nicht mehr tragen konnte und riss sich in der höllischen Gluthitze bis auf die Hose alle Kleider vom Leib. Shimshon überlebte den Kugelhagel und den Chamsin. Er schaffte es „völlig groggy“ in einen Kibbuz, schleppte sich dort an einen Wassertank, öffnete ein kopfüber hängendes Rohr, trank und duschte einem und war „wie von Sinnen“.

 

 Sie hatten Latrun nicht erobert und das würde ihnen auch bei mehreren Versuchen in den folgenden Monaten bis zum Waffenstillstand nicht gelingen. Jerusalem zu versorgen gelang stattdessen mit einer List. Zeitgleich mit den erfolglosen Angriffen bauten, gruben und hämmerten sie aus dem Nichts heraus in einem abgelegenen Tal außer Sichtweite arabischer Truppen innerhalb weniger Wochen eine neue Behelfsstraße in die Berghänge, hinauf nach Jerusalem. Die legendäre „Burma Road“.

 

Der Journalist

 

Jerusalem war damit gerettet. Der Krieg ging mit einem Waffenstillstand zu Ende. Jedenfalls vorerst, bis die nächsten folgten. Da war Shimshon Ofer nicht mehr Soldat, sondern Journalist. Er schrieb Reportagen für die linksliberale Zeitung „Al Hamishmar“, was soviel bedeutete, wie „der tägliche Wächter“. Der Titel war Programm. Er begleitete als Militärkorrespondent die folgenden Kriege, er war Zeuge des Waffenstillstandsabkommens nach dem Sechstagekrieg 1967, als die entscheidenden Dokumente in Zelten bei Kilometer 101 auf der Straße nach Kairo unterzeichnet worden waren. Er hatte es von außen beobachtet, denn „reingelassen haben sie uns nicht“. 

 

 

 

Shimshon Ofer in Tel Aviv an einer historischen Karte des Unabhängigkeitskrieges 1948. Rote Pfeile zeigen die Angriffe Arabischer Armeen, grün die jüdischen Gebiete. Shimshon Ofer deutet auf die Stelle, an der Capa das berühmte Bild aufnenommen hat.                                                                                                                    Photo: Meinrad Heck

 

 

Geblendet

 

Wenn er über Mächtige und Mächte schrieb, tat er, was alle guten Journalisten tun (sollten): Dabeisein, aber nicht dazu gehören. 1976 veröffentlichte er ein bis heute beachtetes Buch über den damaligen Zustand der israelischen Gesellschaft. Es trug den englischen Untertitel „Blinded by the top“ und er beschrieb, wie die öffentliche Meinung mit Hilfe von Journalisten „von oben“ geblendet und manipuliert zu werden drohte. Er betonte, dass Journalismus nicht der verlängerte Arm der Regierung sein dürfe und im ständig von außen bedrohten Israel ausdrücklich nicht dazu da war, die Moral der Bevölkerung zu stärken. Journalisten seien dazu da, den Mächtigen Fragen zu stellen, vor allem unbequeme Fragen.

 

1983 besuchten ehemalige jüdische Mitbürger, die ein Bad Mergentheimer Freundeskreis in aller Welt ausfindig gemacht und eingeladen hatte, erstmals wieder die Stadt ihrer Kindheit. Shimshon Ofer schrieb in seiner später in Israel und Bad Mergentheim publizierten Reportage, dass und wie Bad Mergentheimer Honoratioren „mit anerkennenswertem Mut“ über die Gräuel des Holocausts und die Rolle ihre Stadt gesprochen hatten.

 

„Hätte ich anders gehandelt?“

 

Seine „Reise in die Kindheit“ endete mit dem Gedanken: „Es tut mir leid, meine Freunde, die Ihr mich hier mit solch aufrichtiger Herzlichkeit aufnehmt: Wenn Ihr ein paar Jahre früher zur Welt gekommen wäret, würdet Ihr nicht auch dabeistehen unter den Hakenkreuzfahnen, den tapferen Soldaten zujubelnd, oder würdet ihr vielleicht selbst Uniformen tragen und an dem Eroberungszug durch Europa teilnehmen? Kann mir denn überhaupt jemand versichern, dass niemand von Euch mit dabei war? Und vielleicht, wenn die Möglichkeit kam, dem Schlachtfeld und der Kälte zu entrinnen und sich in einer Baracke aufzuwärmen – sagen wir zum Beispiel als Wächter über Transporte von Menschen, deren Schicksal sowieso schon besiegelt war, um so das eigene Leben zu retten – konnte man so einer Versuchung widerstehen? Hätte ich selbst, wenn ich in eine solche Lage geraten wäre, anders gehandelt?“

 

 Natürlich kannte ein Journalist wie Shimshon Ofer den berühmt gewordenen Kriegsfotografen Robert Capa. 1988 tauchte der Name in einer Zeitungsnotiz auf. Das Tel Aviv Museum kündigte eine Ausstellung mit Bildern des Kriegsreporters an. „Das könnte interessant sein“, sagte er sich.

 

Der legendäre Fotograf Robert Capa

 

Denn Robert Capa war längst zu einer Legende geworden. Er hatte Generationen von Fotojournalisten beeinflusst. Von ihm stammt der Satz „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nahe genug dran“. Und er war immer nahe dran: Im spanischen Bürgerkrieg 1937, als Republikaner und Linke gegen die von Hitler unterstützten Franco-Faschisten kämpften, oder am 6. Juni 1944,  bei der Invasion in der Normandie und der ersten Landungswelle am „Omaha-Beach“. Einmal war er zu nahe dran: Am 25. Mai 1954 hatte er im Indochina-Krieg einen Trupp Soldaten begleitet, war eine Anhöhe hinaufgeklettert, um ein Foto von oben zu schießen. Es war sein letztes. Er trat auf eine Mine und wurde tödlich verletzt. Fast auf den Tag genau sechs Jahre vor seinem Tod waren er und Shimshon Ofer sich in Israel begegnet -  ohne es zu wissen.

 

 Capas Fotoausstellung in Tel Aviv wurde 1988 zum 40. Jahrestag der Staatsgründung organisiert. Shimshon Ofer schritt die Stufen zum Tel Aviv Museum hinauf, oben öffnete sich der Ausstellungssaal und auf der gegenüberliegenden Wand hing dieses eine Bild. Es war dieses Lächeln des jungen Soldaten, das ihn anzog. „Ich kenne dieses Lächeln“, sagte er zu sich.

 

Die Entdeckung

 

Er trat näher und mit jedem Schritt wurde ihm klarer, was und wen er da vor sich hatte. „Es ist meine Einheit“. Er erinnerte sich an den Weg, an den Sand, an das Gesicht, an dieses Lächeln. Er sah aus der Nähe noch genauer hin und entdeckte … sich selbst. Hochgewachsen, mit dem Rücken zur Kamera, den Karabiner über der rechten Schulter, die Ärmel hochgekrempelt, ein dunkles Hemd und kurze Hosen. Er war der Vorletzte in der rechten Reihe, hinter ihm nur noch ein jungen Mann mit drei Mörsergranaten in der Hand. Und … er behielt diese Entdeckung vorerst für sich.

 

 Erst Jahre später, bei einem Treffen mit Freunden in Tel Aviv berichtete er zum ersten Mal davon. „Na“, sagten sie daraufhin, „da bist Du ja für die Ewigkeit dokumentiert.“ Noch ein paar Jahre später schenkte er dem Autor dieser Zeilen bei einem Besuch in Israel das historische Buch aus jener Fotoausstellung. Ganz beiläufig, als wäre es kaum der Rede wert, erwähnte er dabei: „Ach übrigens, schau dir mal dieses eine Foto hier ein bisschen genauer an“. Er deutete auf das Bild der jungen Männer. Im Buch gab es einen ausführlichen Text dazu. Da stand: „Wir alle kennen dieses Foto. Es ist eines der bekanntesten Bilder unserer Zeit. Es ist traurig, heldenhaft und gefährlich, obwohl die Gefahr nicht hier ist, sondern hinter dem Horizont“. Shimshon fragte: „Erkennst du jemanden auf dem Bild?“ – „Nein, niemanden.“  - „Das da bin ich“ – Es dauerte ein paar Sekunden: „Wie bitte?? Du, auf diesem Foto von Robert Capa??“ – „Ja“ – „Aber wie …?? Erzähl´s mir!“

 

Postscriptum

2018, vor wenigen Wochen am Telefon: „Shalom Shimshon, ich möchte Dich um etwas bitten. Ich möchte die Geschichte mit Dir und Capas Foto gerne aufschreiben und veröffentlichen.“ – „Meinst Du? Das ist doch nichts Besonderes“ – „Doch, das ist es“ – „Okay“ sagte er, „also gut“.

 

Shimson Ofer (89) lebt heute in Tel Aviv, hat einen Sohn, eine Tochter und vier Enkel. Tochter Irit studierte Physik und Mathematik. Sie ist heute Forscherin und Dozentin für Mathematik an einem College. Sein Sohn Eyal ging als Fotograf ebenfalls in den Journalismus. 2004 veröffentlichte er einen Bildband über "Die Mauer“, die seitdem nach zahllosen Selbstmordanschlägen palästinensischer Terroristen Israel von der besetzten Westbank trennt.

 

 „Mauern sind keine Lösung“

 

Er schrieb von seiner eigenen Furcht, in ein Restaurant oder einen Supermarkt zu gehen, „aus Angst, neben mir steht eine lebende Bombe“. Und dennoch seien „Mauern und Zäune keine Lösung. Wenn wir nicht die relative Ruhe und begrenzte Zeit ausnutzen, die die Mauer uns gibt, werden wir entdecken, dass Mauer und Zaun der israelischen Seite nur eine Illusion von Sicherheit gegeben und einen hohen Preis verlangt haben, dass nämlich der Hass auf der palästinensischen Seite stärker und tiefer wurde. Die einzige Lösung ist gegenseitige Achtung. Sitzen und reden, bis man zu einem Ergebnis kommt“. Und zum Abschluss erinnerte er an ein Zitat von Theodor Herzl, dem geistigen Vater eines jüdischen Staates: „Wenn Ihr wollt, bleibt es kein Märchen.“

 

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